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Februarkämpfer nach 78 Jahren rehabilitiert

1934 leisteten ArbeiterInnen Widerstand gegen die faschistische Machtergreifung in Österreich. Der Kampf endete mit einem Verbot der Sozialdemokratie, Verhaftungen und Hinrichtungen.

"Der Vater wurde vor der Gebietskrankenkasse in der Linzer Betlehemstraße am 13. Februar 1934 von hinten erschossen. Das weiß ich, weil sein Hemd ein Loch hatte, das die Mutter geflickt hat. Ich habe es dann als Lehrbub noch getragen. Es war ja kein Geld da", erzählt der Steyrer Franz Weiss. Sein Vater, Johann Weiss, war Schutzbundobmann in Garsten und Landesobmann der Chemiearbeitergewerkschaft. Er war einer der Februarkämpfer, jener ArbeiterInnen, die sich am 12. Februar 1934 mit Waffengewalt gegen die drohende Gefahr einer faschistischen Machtergreifung wehrten. Der Kampf war nicht zu gewinnen und endete mit einem Verbot der Sozialdemokratie, Verhaftungen und Hinrichtungen von Schutzbund-Kämpfern und der Errichtung des Ständestaates.

Späte Gerechtigkeit

1945 wurden die demokratischen WiderstandskämpferInnen gegen den Austrofaschismus amnestiert. Aber erst am heurigen 1. März tritt ein Gesetz in Kraft, das die Urteile des faschistischen Ständestaates aufhebt und die Februarkämpfer rehabilitiert. Eine späte, symbolische Wiedergutmachung. Überhaupt wird in Österreich nur wenig von den Jahren vor 1938 gesprochen, in denen die Christlichsozialen eine Diktatur nach Mussolinis Vorbild errichteten. "Rote und Schwarze waren gemeinsam in den Konzentrationslagern der Nazis. Und danach hat es geheißen, die zugeschütteten Gräben werden nicht wieder aufgerissen", berichtet Weiss, der sich als Sohn eines Opfers oft schwer tat mit dieser Haltung.

Razzien in Arbeitersiedlung

An die bürgerkriegsähnlichen Kämpfe, die sich von Linz nach Steyr und in andere Hochburgen der Sozialdemokratie ausbreiteten, erinnert sich der damals 13-jährige Franz noch genau. Am 11. Februar begleitete er seinen Vater, der sich auf den Weg nach Linz machte, zum Bahnhof Steyr. "Er trug mir auf, am nächsten Tag zu Hause zu bleiben und auf die Mutter aufzupassen, sagte aber nicht, warum."

Als Weiss am nächsten Tag seine jüngere Schwester aus der Hauptschule in Steyr abholte, wurde bereits geschossen. Auf der einen Seite der sozialdemokratische Schutzbund, auf der anderen die faschistische Heimwehr. Zu Hause, in der Garstener Arbeitersiedlung Kraxental angekommen, trug ihm die Mutter auf, das Gewehr des Vaters wegzubringen. Gerade rechtzeitig, bevor es polizeiliche Razzien in den Wohnungen der Schutzbündler gab. Sein älterer Bruder wurde auf der Steyrer Ennsleite verhaftet. Er durfte auch nicht zur Bestattung des Vaters, der zwei Stunden verletzt auf dem Gehsteig lag, weil die Heimwehr die Rettung daran hinderte, ihn zu versorgen. Am 14. Februar erlag Johann Weiss seinen Verletzungen. Beigesetzt wurde er auf polizeiliche Weisung in engstem Familienkreis. Die Heimwehr bewachte den Friedhof, um zu verhindern, dass andere am Begräbnis teilnahmen.

"Rotes Gsindl"

Etwa 60 Prozent der sozialdemokratischen ArbeiterInnen in Steyr waren in den frühen 1930er-Jahren arbeitslos. "Ihr rotes Gsindl gehört nicht in die Schule, ihr solltet am Misthaufen aufwachsen", verdeutlichte ein Hauptschullehrer Weiss und seinen Kollegen, dass er Sozialdemokraten für Menschen zweiter Klasse hielt. Dass Weiss dennoch 1935 eine Lehrstelle als Schlosser in den Steyrerwerken antreten konnte, war ein Glücksfall, wurden doch beim ersten Vorstellungsgespräch er und seine Mutter vom Personalchef verjagt, als aufkam, dass der Vater als Schutzbündler gefallen war. Ein Bekannter sagte einmal zu Weiss, der von 1974 bis 1984 Bürgermeister der Stadt Steyr war: "Du bist ein ganz guter Redner, aber dein Vater war um vieles besser!" Mit dem Unterschied, dass Johann Weiss oft von Versammlungen weggeholt und eingesperrt wurde. Nur, weil er etwas sagte, das der damaligen Regierung nicht passte.              

>> Linktipp zur Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie: www.rotbewegt.at

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